title>La Gomera - Susanne Skuballa Kolumne - Encantada
encantada - dreifach!
Meine ruhrpöttische Waschmaschine wäscht gerade noch den dunklen Inselsand aus meinen Sachen, denn ich musste leider wieder nach Hause - auch der schönste Urlaub geht vorbei. Ich trug diesmal besonders schwer auf der Heimreise. Nicht nur, weil unsere gomerianischen Vermieter der Meinung waren, in Deutschland gebe es möglicherweise nichts gescheites zu essen, und uns vorsichtshalber mit zwei Kilo frisch gepflückten Avocados von der eigenen Finca beglückten. An dieser Stelle noch einmal: ¡Muchas Gracias! Die Avocados im hiesigen Supermarkt halten dem Vergleich natürlich nicht stand!

Es war der Abschiedsschmerz, der schwer auf dem Herzen lastet, wie immer, wenn man von La Gomera wieder weg muss. Und dazu der Abschiedsschmerz, den mir die neu gewonnen Freunde auf’s Herz legten - bin ich froh, dass es heutzutage E-Mails und Internet-Foren gibt, Euch allen rufe ich über den Atlantik ein ¡Encantada! zu.

Ich weiß nicht, ob ich meinen Koffer auf die Garajonay Exprés hätte schleppen können, wenn nicht ein Gepäckstück der besonderen Art mein Herz beflügelt hätte. Dieser mein neuer Spielplatz, auf dem Sie gerade nachlesen, wie Sie sich möglicherweise bei der Heimreise nach Ihrem Urlaub fühlen werden. Denn die Betreiber dieser Seite, das Reisebüro La Paloma, haben mir einen Auftrag mit nach Hause gegeben: "Du, unser Valle-Info liegt ein wenig brach, wir haben einfach nicht genug Zeit für die Pflege, aber Du kennst Dich hier aus, hast genug Kontakte, um Aktuelles aufschnappen zu können, und gib bloß nicht vor dem Schreiben Deinen Humor an der Garderobe ab!".
Das waren (so ungefähr) die Worte von Claus Vaith um Mitternacht in der Cacatua-Bar.

Nun, liebe Leser, hier bin ich, und immer wenn ich schreibender weise hier bin, bin ich mindestens mit dem Herzen auf La Gomera, der schönsten Insel von allen. ¡Estoy muy encantada! Ich bin sehr erfreut, Ihre rasende Inselreporterin aus der Ferne zu sein!

Und so kommen wir gleich zum ersten Inselsenf aus meiner gut angespitzten Tastatur:

Encantada - der Film

Wie viele überzeugte Gomera-Fans, gehöre auch ich zu der Sorte Menschen, die gern die Perspektiven wechseln und etwas von hinten aufrollen, weil Dinge, die auf dem Kopf stehen ja oft viel interessanter aussehen.
Deshalb beginne ich meine Berichterstattung mit einem Nach-Urlaubs-Erlebnis, für das ich an meinem letzten Inselabend die Vorbereitung traf, indem ich mir Encantada, den viel diskutierten Film von Oliver Heck kaufte. Denn was hatte ich nicht alles im Vorfeld über diesen Film gehört, wie verschieden waren die Meinungen über dieses cineastische Kunststückchen.
Im Nachhinein beschäftigt mich die Frage, ob ich den Streifen über ein immerwährendes Sommermärchen ausgerechnet direkt vor der TV-Ausstrahlung von Sönke Wortmanns "Deutschland - ein Sommermärchen" hätte anschauen sollen.
Denn zunächst war ich ein wenig stinkig, weil ich die WM-Ereignisse des vergangenen Sommers gern ein wenig konzentrierter hätte Revue passieren lassen, doch die zuvor gesehenen Bilder von La Gomera, das ich erst vierzehn Stunden vorher verlassen hatte, waren in meinen Kopf wie eingebrannt.

Aber dann kam ich dahinter, dass genau das die perfekte Mischung war, um mir ein Bild über Encantada machen zu können. Sie greifen sich gerade an den Kopf mit dem Gedanken, dass die Tante, die hier Buchstabensuppe anrührt, vielleicht im Urlaub verbotene Substanzen geraucht hat, die ihr das Hirn verkleistern? Oh, das kann ich verstehen - hat sie aber nicht!

Sommermärchen sind Sommermärchen, das wusste schon Shakespeare mit seinem Mittsommernachtstraum; sie haben eine gewisse Nachhaltigkeit, und die lebt vom Zauber. Ob vom Feenzauber, vom Klinsmann-Zauber oder vom gomerianischen Dauerzauber - das passt schon!

Die Frage über den eventuellen Konsum gewisser Substanzen stellte ich mir allerdings bei denen, deren Meinungen ich teilweise über Encantada gehört hatte, und die beinahe verhindert hätten, dass ich diesen Film sah. "Da geht’s ja nur um Hippies, da wird das Aussteiger-Klischee wieder hochgerührt, von dem wir uns mühsam befreien wollen!", so ähnlich lauteten diverse Meinungen, die mir zu Ohren kamen, teilweise auch aus dritter oder vierter Hand.

Als ich mich nun mit eigenen Augen überzeugte, was Encantada ist, da fragte ich mich aber ernsthaft, ob es vielleicht zwei verschiedene Filme dieses Namens gibt, oder ob das Röntgengerät im Flughafen vielleicht die Bilder auf meiner DVD verfälscht hatte.

Sicherlich kamen in dem Film auch die legendären Schweinebuchtler und Kaktustrommler zu Worte, die gehören zu La Gomera wie Mojo und El Silbo.
Aber, Entschuldigung, ich habe den ganzen Film gesehen!
Da kam eine Dame namens DJ Aroma vor, die mit ihrem Laptop auf einem Felsen über der Playa del Inglés saß und arbeitete, indem sie sich von der Atmosphäre der Insel inspirieren ließ und Musik schuf. Von Konsum- oder Leistungsverweigerung oder Hippietum war da nichts zu sehen!

Auch Sven und Sylvia, die Betreiber eines Restaurants in Borbalán kamen zu Worte, stellvertretend für viele andere fleißig und professionell arbeitende Menschen, die La Gomera als Lebensstandort gewählt haben. Nur weil Sylvia eine lustige Brille trägt (behalt die bloß, Sylvia, sie steht Dir!) oder Sven ein witziges Bärtchen, macht das die beiden nicht zu Freaks! Natürlich genießen sie in der knappen Freizeit die Schönheit La Gomeras, aber ich habe die beiden kennen gelernt: Das sind gastronomische Vollprofis, die stets den Überblick behalten und lediglich so klug waren, sich einen Arbeitsplatz in faszinierender Umgebung und mit wunderbarem Wetter auszusuchen.

Ich nenne hier Menschen, die im Film vorkommen, doch die Liste derer, für die sie stehen, ist lang, und wie bereits erwähnt, haben z. B. die Betreiber der Seite, die Sie gerade lesen, keine Zeit, hier zu schreiben - die arbeiten nämlich fleißig, damit Sie schön wohnen und gut reisen können!

Oliver Heck ist mit diesem Film der Spagat gelungen, die verschiedenen Aspekte von Leben auf La Gomera mit großartigen Bildern und einer interessanten Schnittführung zu verbinden und zu zeigen - wenn man denn verstehen will. Das Nebeneinander verschiedener Lebensstile, die vereint werden von der allen innewohnenden Faszination eines besonderen Fleckchens Erde, das macht die Atmosphäre der Insel aus, das macht die atmosphärische Dichte des Films aus, das macht La Gomera zu etwas Besonderem.

Und das sagt ausgerechnet ein Mensch, der unter einer ausgeprägten Esoterik-Allergie leidet, sich als zu 100 Prozent glaubensfrei empfindet und bei Sonnenuntergang eher einen Bogen um die Bar Maria macht, aber trotzdem nicht möchte, dass das Sonnenuntergangsspektakel verschwindet: Ich nämlich.
¡Muy encantada, Herr Heck!

Schönen Urlaub!

Ihre

Susanne Skuballa

© Susanne Skuballa, 2006

Der Link zum Film: Encantada - Gomera Film von Oliver Heck

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